Prozessoptimierung

Prozessmodellierung: welche Methode wofür — und wo jedes Diagramm aufhört

Jonas Höttler9. September 202616 min
Kurz gesagt

Prozessmodellierung ist die grafische Darstellung eines einzelnen Ablaufs mit standardisierten Symbolen: Auslöser, Aufgaben, Entscheidungen, Rollen, Ergebnis. Die Methode richtet sich nach dem Zweck — Flussdiagramm für einen Ablauf mit einer Rolle, Swimlane sobald mehrere Rollen beteiligt sind, BPMN wenn das Modell später von einer Engine ausgeführt oder extern geprüft wird, SIPOC als Vorstufe für den Zuschnitt, Wertstromanalyse für Material- und Informationsfluss samt Beständen. Praktisch tragen fünf Symbole fast jedes Diagramm: Start, Aufgabe, Entscheidung, Fluss, Ende. Ein Modell beschreibt jedoch nur die Struktur; Ankunftsrate, Streuung der Dauern, Kapazität und Kalender stehen in keiner Notation. Genau deshalb zeichnet ein fertiges Modell sechs gleich große Kästchen, ohne zu sagen, welches davon den Ablauf bremst — das beantwortet erst eine Messung.

Handskizze eines Prozessablaufs mit Kästchen, Rauten und Pfeilen auf Papier
Inhaltsverzeichnis

Ein Prozessmodell ist schnell gezeichnet und fast genauso schnell nutzlos. Nicht, weil es falsch wäre — die Kästchen stimmen meistens. Sondern weil es die Frage nicht beantwortet, für die es angefertigt wurde. Gezeichnet wird, um zu wissen, wo man ansetzt. Geliefert wird eine Struktur, in der jeder Schritt gleich wichtig aussieht.

Dieser Artikel steht deshalb auf zwei Beinen. Erstens das Handwerk: welche Methode wofür taugt, welche Symbole man wirklich braucht, wie man den Zuschnitt findet und in welcher Reihenfolge man vorgeht. Zweitens die Grenze: die vier Angaben, die in keiner Notation stehen und ohne die kein Diagramm sagt, welcher Schritt den Ablauf aufhält.

Was ist Prozessmodellierung?

Prozessmodellierung ist die grafische Darstellung eines einzelnen Geschäftsprozesses mit standardisierten Symbolen. Sie beantwortet vier Fragen: Was löst den Ablauf aus? Welche Aufgaben folgen in welcher Reihenfolge? Wo wird verzweigt und wer entscheidet? Womit endet er?

Die Begriffe werden im Alltag durcheinandergeworfen, gemeint ist aber Verschiedenes:

BegriffEbeneBeantwortet
Prozesslandkartealle Prozesse eines UnternehmensWelche Prozesse gibt es überhaupt?
Prozessmodellein Prozess, Schritt für SchrittWie läuft dieser eine Ablauf?
Prozessdokumentationein Prozess plus Regeln, Formulare, FristenWie führe ich ihn korrekt aus?
Prozessmanagement (BPM)die OrganisationWer verantwortet, misst und verbessert die Prozesse?

Die Prozesslandkarte ist der Stadtplan, das Prozessmodell die Wegbeschreibung für eine Straße. Wer beides in ein Bild zwingt, bekommt eine Landkarte mit zweihundert Kästchen, die nach der Präsentation niemand mehr öffnet. Wie die Ebene darüber entsteht, steht in der Anleitung zur Prozesslandkarte.

Wofür ein Modell taugt:

  • Einarbeitung: neue Mitarbeitende sehen den Ablauf statt ihn erzählt zu bekommen
  • Audit und Zertifizierung: ISO 9001 fragt ohnehin nach dieser Struktur
  • Systemwechsel: was abgebildet werden muss, bevor eine Software es abbildet
  • Übergaben: die Stellen, an denen ein Vorgang die Zuständigkeit wechselt
  • Ausnahmen: die Fälle, die jeder anders behandelt, weil sie nirgends stehen

Wofür es nicht taugt:

  • Priorisierung. Alle Kästchen sind gleich groß.
  • Aufwandsschätzung. Ein Schritt kann zehn Minuten oder vier Tage bedeuten.
  • Kapazitätsplanung. Wie oft der Prozess läuft, steht nicht im Diagramm.

As-is und To-be: erst zeichnen, was ist

Die Prozessmodellierung kennt zwei Modelltypen. Das As-is-Modell zeigt den Ist-Zustand: wie der Ablauf heute tatsächlich läuft. Dazu gehören die Umwege, die Nacharbeit und die Excel-Datei, die offiziell nicht existiert. Das To-be-Modell zeigt den Soll-Zustand nach der Änderung.

Die Reihenfolge ist nicht verhandelbar: erst As-is, dann To-be. Wer mit dem Soll beginnt, optimiert einen Ablauf, den er nicht kennt.

Dazwischen gehört allerdings ein dritter Schritt, den die meisten Anleitungen auslassen: messen. Ein To-be-Modell, das direkt aus dem As-is entsteht, ist eine Wunschliste. Es verbessert den Schritt, über den im Workshop am lautesten gesprochen wurde — und das ist selten der, der den Ablauf aufhält. Der laute Schritt ist der unangenehme, der teure ist der stille, an dem Vorgänge liegen bleiben.

Praktische Regel: Ein To-be-Modell entsteht für genau einen Schritt, und zwar für den, den die Messung benennt. Alles andere bleibt vorerst so, wie es ist.

Prozessmodellierung: Methoden im Überblick

MethodeWas sie zeigtAufwandGeeignet für
FlussdiagrammAblauf von Anfang bis Ende, Verzweigungengeringeinen Ablauf mit ein bis zwei Rollen
Swimlane-Diagrammdasselbe, aber nach Zuständigkeit in Bahnengering bis mittelAbläufe über mehrere Abteilungen
BPMN 2.0Aktivitäten, Ereignisse, Gateways, Nachrichten, PoolshochModelle, die ausgeführt oder extern geprüft werden
EPKKette aus Ereignis und Funktion im WechselmittelHäuser mit vorhandenem ARIS-Bestand
eEPKEPK plus Organisationseinheit und Informationsobjektmittel bis hochDokumentationspflichten, Zuständigkeitsnachweis
SIPOCfünf Spalten: Lieferant, Input, Prozess, Output, Kundesehr geringden Zuschnitt vor dem eigentlichen Modell
WertstromanalyseMaterial- und Informationsfluss, Bestände, WartezeitenhochFertigung und alles mit sichtbaren Beständen
Wertschöpfungskettefünf bis neun Blöcke ohne Innenlebensehr geringÜberblick für Geschäftsführung und Externe
Detailmodelljeder Schritt inklusive Teilprozessen und Ausnahmensehr hochÜbergabe an die IT, Automatisierungsvorbereitung

Flussdiagramm

Die einfachste Form: Start, Aufgaben, Rauten für Entscheidungen, Ende. Jeder versteht es ohne Einführung, und genau darin liegt sein Wert. Die Grenze zeigt sich, sobald mehrere Rollen beteiligt sind — dann steht die Zuständigkeit nur noch als Text im Kästchen, und die Übergaben, an denen die Zeit verloren geht, verschwinden.

Swimlane-Diagramm

Derselbe Ablauf, aber jede Rolle bekommt eine Bahn. Der Gewinn ist nicht Schönheit, sondern eine harte Auskunft: Jeder Pfeil, der eine Bahn verlässt, ist eine Übergabe. Übergaben sind die Stellen, an denen Vorgänge liegen bleiben, weil niemand mehr zuständig ist und noch niemand angefangen hat. Für Abläufe über mehrere Abteilungen ist die Swimlane die richtige Standardwahl.

BPMN 2.0

Der internationale Standard der Object Management Group, rund 150 Symbole, maschinenlesbar. Seine Stärke ist Eindeutigkeit: Ein BPMN-Modell lässt sich exportieren, prüfen und von einer Process Engine ausführen. Seine Schwäche ist die Lernkurve — auf der Fachseite liest es kaum jemand freiwillig.

Nehmen Sie BPMN, wenn das Modell ausgeführt, extern geprüft oder über Jahre gepflegt wird. Nehmen Sie es nicht aus Prestige. Ein sauberes Swimlane-Diagramm, das die Abteilung gegenliest, ist mehr wert als ein korrektes BPMN-Modell, das niemand öffnet.

EPK und eEPK

Die ereignisgesteuerte Prozesskette wechselt streng zwischen Ereignis ("Anfrage ist eingegangen") und Funktion ("Anfrage erfassen"), verbunden durch Konnektoren für UND, ODER, XOR. Im deutschsprachigen Raum ist sie durch ARIS verbreitet. Die erweiterte EPK ergänzt je Funktion die Organisationseinheit und das Informationsobjekt — also wer den Schritt ausführt und womit.

Der erzwungene Wechsel ist Stärke und Schwäche zugleich: Er zwingt dazu, Auslöser auszusprechen, und macht Modelle etwa doppelt so lang. Sinnvoll, wenn im Haus bereits EPK-Bestand liegt. Für ein neues Modell auf grüner Wiese gibt es selten einen Grund dafür.

SIPOC

Fünf Spalten: Suppliers, Inputs, Process, Outputs, Customers. Das ist kein Ablaufdiagramm, sondern der Zuschnitt davor. In einer Stunde ausgefüllt, klärt es die Frage, an der die meisten Modellierungen scheitern: Wo fängt der Prozess an und wo hört er auf? Der Prozessteil bleibt bewusst grob — fünf bis sieben Blöcke.

Wertstromanalyse

Aus dem Lean Management. Sie zeichnet Material- und Informationsfluss und trägt an jedem Schritt Zahlen ein: Bearbeitungszeit, Wartezeit, Bestand, Fehlerquote. Damit ist sie die einzige klassische Methode, die von sich aus quantitativ ist. Ihre Heimat ist die Fertigung; in Büroprozessen ist der "Bestand" die Warteschlange im Postfach, was sie aufwendiger macht, aber nicht unmöglich.

Wertschöpfungskette und Detailmodell

Zwei Enden derselben Skala. Die Wertschöpfungskette zeigt fünf bis neun Blöcke ohne Innenleben — die Fassung für Geschäftsführung und Externe. Das Detailmodell zeigt jeden Schritt inklusive Teilprozessen, Ausnahmen und Systemen — die Fassung für die Übergabe an die IT. Beide sind legitim. Unbrauchbar wird es dort, wo beide Detailgrade in einem Diagramm stehen: drei Kästchen für den halben Vertrieb, danach vierzehn für das Freigabeverfahren.

Welche Methode nehmen? Drei Fragen

  1. Sind mehrere Rollen oder Abteilungen beteiligt? Ja → Swimlane. Nein → Flussdiagramm.
  2. Soll das Modell später ausgeführt, exportiert oder extern geprüft werden? Ja → BPMN 2.0.
  3. Geht es um Material, Bestände oder Liegezeiten? Ja → Wertstromanalyse.

Ist der Zuschnitt selbst noch unklar, kommt SIPOC davor. Alles andere ist Geschmack — und Geschmack ist bei Notationen ein schlechter Ratgeber, weil das Modell von Leuten gelesen wird, die ihn nicht teilen.

Symbole für die Prozessmodellierung

Die gebräuchlichen Symbole stammen aus der Flussdiagramm-Tradition und sind in allen Werkzeugen gleich:

  • Oval (Terminator): Anfang und Ende des Prozesses
  • Rechteck: eine Aufgabe oder Aktivität
  • Raute: eine Entscheidung, mit beschrifteten Ausgängen
  • Pfeil: die Richtung des Ablaufs
  • Rechteck mit doppelten Seitenlinien: ein Unterprozess, der anderswo modelliert ist
  • Parallelogramm: Daten als Input oder Output
  • Rechteck mit gewelltem Unterrand: ein Dokument
  • D-Form: eine Verzögerung, also eine Liegezeit
  • Rechteck mit schräger Oberkante: manuelle Eingabe — in der Praxis der zuverlässigste Hinweis auf einen Medienbruch

In BPMN heißen die wichtigsten fünf: Startereignis (dünner Kreis), Aufgabe (abgerundetes Rechteck), exklusives Gateway (Raute mit X), Sequenzfluss (durchgezogener Pfeil), Endereignis (dicker Kreis). Damit lassen sich die meisten Abläufe abbilden.

Zwei Regeln sind wichtiger als jede Symbolliste: Jede Raute hat beschriftete Ausgänge — "ja"/"nein" oder die Bedingung. Und: jeder Pfad endet. Ein Zweig, der ins Leere läuft, ist im Diagramm ein Schönheitsfehler und in der Wirklichkeit der Vorgang, der niemals abgeschlossen wird.

Prozess modellieren: sechs Schritte

Schritt 1: Grenzen setzen

Zwei Sätze, schriftlich, bevor irgendetwas gezeichnet wird: Womit beginnt der Prozess (Auslöser) und womit ist er fertig (Ergebnis)? Fehlt das, wächst das Modell während der Arbeit an ihm — jedes Gespräch hängt vorne und hinten etwas an. Das ist der häufigste Grund, warum eine Modellierung, die zwei Tage dauern sollte, drei Wochen dauert.

Schritt 2: Schritte sammeln — bei denen, die sie ausführen

Nicht bei den Verantwortlichen. Die kennen den Soll-Ablauf, und der Unterschied zum Ist ist genau das, was Sie suchen. Fünf Fragen, die verlässlich fördern, was in keiner Verfahrensanweisung steht:

  • Was löst diesen Vorgang bei Ihnen aus, und woran sehen Sie das?
  • Was brauchen Sie, um anfangen zu können, und woher kommt das?
  • Worauf warten Sie am häufigsten?
  • Was tun Sie, wenn etwas fehlt oder das System nicht mitspielt?
  • Was machen Sie hier anders als in der Anweisung steht — und warum?

Schritt 3: Die Granularität festlegen

Die Regel, die den Zuschnitt entscheidet: Ein Schritt ist ein Stück Arbeit, das eine Rolle in einem System in einem Zug erledigt. Wechselt die Rolle, wechselt das System, oder wird die Arbeit unterbrochen, beginnt ein neuer Schritt.

Angewandt liefert das für einen normalen Geschäftsprozess acht bis fünfzehn Schritte. Kommen fünfzig heraus, modellieren Sie Tastendrücke. Kommen vier heraus, modellieren Sie Abteilungen.

Schritt 4: Zeichnen

Die Methode aus den drei Fragen oben, dann der erste Durchlauf ohne Ausnahmen: der Normalfall von links nach rechts. Erst danach kommen die Verzweigungen dazu — und zwar nicht alle. Ein Prozess besteht typischerweise zu einem knappen Drittel aus Ausnahmen; modelliert werden die zwei bis drei häufigsten. Der Rest steht als Text daneben.

Schritt 5: Gegenlesen lassen

Das fertige Diagramm geht zurück an dieselben Personen aus Schritt 2, mit einer einzigen Frage: "Wo stimmt das nicht?" Nicht "Passt das so?" — darauf antworten alle mit Ja. Erfahrungsgemäß korrigiert die Runde zwei bis vier Stellen, und mindestens eine davon ist keine Kleinigkeit.

Schritt 6: Zahlen anhängen

Der Schritt, der in den meisten Anleitungen fehlt und ohne den das Modell dekorativ bleibt. Je Schritt vier Angaben, notfalls geschätzt:

  • Dauer als Spanne: optimistisch, typisch, pessimistisch — kein Mittelwert
  • Wartezeit davor: wie lange der Vorgang liegt, bevor jemand anfängt
  • Häufigkeit: wie oft der Schritt pro Monat läuft, samt Anteil der Ausnahmen
  • Rolle und System, dazu: Medienbruch ja/nein

Warum die Spanne statt des Durchschnitts: Wer Mittelwerte in eine Prozesskette einsetzt, rechnet systematisch zu optimistisch, sobald der Ablauf Tore, Schleifen oder geteilte Bearbeiter enthält. Nachgerechnet steht das in Ihr Excel rechnet richtig und liegt trotzdem falsch.

Beispiel: ein Angebotsprozess, modelliert

Das folgende Modell stammt aus unserer Musteranalyse AN-2026-01. Es ist konstruiert, nicht bei einem Kunden erhoben — die Struktur ist aus typischen Mittelstandsabläufen modelliert, die Zahlen stammen aus einer Simulation über 500 Durchläufe. Für die Frage, worauf es hier ankommt, reicht das: Der Unterschied zwischen Bild und Messung ist eine Eigenschaft der Methode, kein Betriebsgeheimnis.

Als Swimlane, sechs Schritte, vier Rollen:

                 ┌────────────┐                              ┌──────────────┐
Innendienst   ●──│ 01 Anfrage │                              │ 05 Angebot   │──▶ ● 
                 │  erfassen  │                              │   schreiben  │
                 └─────┬──────┘                              └──────▲───────┘
                       │                                            │
                 ┌─────▼──────┐                                     │
Konstruktion     │ 02 Techn.  │                                     │
                 │  Klärung   │                                     │
                 └─────┬──────┘                                     │
                       │                                            │
                 ┌─────▼──────┐   ┌───────────┐   nein     ┌────────┴────┐
Kalkulation      │ 03 Kalku-  │──▶│ 04 Frei-  │───────────▶│ Rückfrage   │
                 │   lation   │   │   gabe?   │            │ (Ausnahme)  │
                 └────────────┘   └─────┬─────┘            └─────────────┘
                                        │ ja
                                        ▼
Vertrieb                          06 Versand & Nachfassen ──▶ ●

Das Diagramm ist korrekt. Es beantwortet, wer was in welcher Reihenfolge tut, und es zeigt drei Medienbrüche (E-Mail, Excel, Word). Was es nicht beantwortet: Welcher dieser sechs Schritte hält den Ablauf auf?

Zeichnerisch sind alle sechs gleich groß. Gerechnet nicht:

Konstruktion
118 %
Kalkulation
86 %
Vertriebsinnendienst
74 %
Vertriebsleitung
41 %
Auslastung je Rolle im Ist-Zustand. Musteranalyse AN-2026-01, konstruiert, 500 simulierte Durchläufe

Eine Rolle liegt über 100 Prozent — sie bekommt mehr Arbeit herein, als sie abarbeiten kann, und vor ihrem Schritt wächst eine Warteschlange. Das Modell zeigt diese Rolle als eine Bahn von vieren, gleichberechtigt neben der Vertriebsleitung, die zu 41 Prozent ausgelastet ist.

Entsprechend verhält sich die Durchlaufzeit. Sie ist keine Zahl, sondern eine Spanne:

Durchlaufzeit P10

1,8Tage

der schnelle Fall

Durchlaufzeit P50

4,6Tage

der typische Fall

Durchlaufzeit P90

11,2Tage

was zusagbar wäre

Läufe über Kapazität

34%

Zwischen dem typischen und dem zugesagten Fall liegt Faktor zwei. Im Diagramm ist davon nichts zu sehen — und zwar in keinem Diagramm, unabhängig von der Notation. Die vollständige Musteranalyse mit Vorher-Nachher steht unter Der Angebotsprozess, der in der Konstruktion liegen bleibt.

Die vier Angaben, die in keiner Notation stehen

Warum kein Modell den Engpass zeigt, hat einen nüchternen Grund: Notationen beschreiben Struktur, nicht Last. Zum Durchrechnen fehlen vier Größen, die weder BPMN noch EPK noch eine Swimlane vorsieht:

  1. Ankunftsrate — wie oft der Prozess ausgelöst wird, und wie ungleichmäßig. Vierzig Vorgänge pro Woche sind etwas anderes als vierzig, von denen dreißig montags kommen.
  2. Streuung der Dauern — nicht "zwei Stunden", sondern "eine bis vier Stunden, meistens zwei". Ohne Streuung gibt es keine Warteschlange, und die Rechnung fällt zu optimistisch aus.
  3. Kapazität — wie viele Personen den Schritt tatsächlich übernehmen können und zu welchem Anteil ihrer Arbeitszeit. Eine Bahn im Diagramm kann eine Person oder acht bedeuten.
  4. Kalender — Arbeitszeiten, Urlaub, Freigaben, die nur dienstags stattfinden. Ein Ablauf, der rechnerisch drei Stunden dauert, braucht über Nacht trotzdem einen Tag.

Diese vier Angaben sammelt man am besten direkt beim Modellieren, in Schritt 6 oben. Sie sind der Übergang von der Zeichnung zur Rechnung — und der Punkt, an dem sich entscheidet, ob aus dem Modell eine Maßnahme wird oder ein Wandbild.

Häufige Fehler

1. Zu fein. Zweihundert Kästchen für einen Prozess. Abhilfe: die Regel aus Schritt 3 — Rolle, System, ein Zug.

2. Das Soll gezeichnet, nicht das Ist. Erkennbar daran, dass im Modell keine Nacharbeit vorkommt. In realen Abläufen gibt es immer welche.

3. Nur mit Führungskräften gesprochen. Liefert zuverlässig das offizielle Verfahren. Der Unterschied zum tatsächlichen ist der Ertrag der ganzen Übung.

4. Notation aus Prestige gewählt. BPMN, weil es professionell wirkt, dann liest es niemand gegen — und ein Modell, das niemand gegengelesen hat, ist eine Behauptung.

5. Ausnahmen ignoriert. Der Normalfall ist gezeichnet, dreißig Prozent der Vorgänge laufen anders. Zwei bis drei Ausnahmen gehören ins Bild, der Rest daneben in Text.

6. Keine Zahlen. Das Modell ist fertig, die Frage "und was machen wir jetzt zuerst?" bleibt eine Meinungsfrage.

7. Kein Eigentümer, kein Anlass. Ein Modell ohne benannte verantwortliche Person und ohne festen Aktualisierungsanlass — Systemwechsel, Reorganisation, jährliches Review — ist nach zwölf Monaten falsch, ohne dass es jemandem auffällt.

Womit modellieren?

Für die erste Fassung: Papier, Whiteboard, Haftnotizen. Post-its lassen sich verschieben, ein sauber gesetztes Diagramm lädt niemanden zum Widerspruch ein. Für die Reinschrift genügen die üblichen Diagrammwerkzeuge — für einen einzelnen Prozess ist das Werkzeug die kleinste der Fragen. Wo Modelle über Jahre gepflegt oder ausgeführt werden, kommen BPM-Suiten mit Repository, Versionierung und Freigabe ins Spiel; das ist eine Beschaffungsentscheidung mit eigenem Aufwand und lohnt sich unterhalb einer zweistelligen Zahl gepflegter Prozesse selten.

Wenn im Termin getippt statt gezeichnet wird

Ein Sonderfall lohnt die Erwähnung, weil er den häufigsten Abbruchgrund betrifft: Im Workshop zieht niemand Kästchen. Wer nebenher zeichnet, kommt nicht mit, und wer mitschreibt, überträgt die Notizen hinterher — oder eben nicht. Unsere Desktop-Anwendung FlowVisual hat dafür eine Aufnahmezeile: eine Zeile je Schritt, Enter für den nächsten, die Kette verdrahtet sich selbst.

Anfrage kommt rein
Angebot rechnen @Vertrieb 20-40min
Freigabe @Chef 5min ?über 10k
Nacharbeit @Vertrieb !fehlende Angaben

Vier Marker, mehr Grammatik gibt es nicht: @ die Rolle, eine Zeitspanne die Dauer, ? die Bedingung, ! der Schmerzpunkt. Alles davon ist freiwillig — eine nackte Zeile ist eine gültige Zeile, und was niemand gesagt hat, bleibt offen stehen, statt als erfundene Null im Modell zu landen. Wer lieber nicht bei null anfängt, öffnet eine der sechs Vorlagen (Angebot, Rechnungsfreigabe, Reklamation, Onboarding, Servicedesk, Auftragsabwicklung) oder lässt vorhandene Verfahrensanweisungen einlesen; jeder daraus vorgeschlagene Schritt trägt ein wörtliches Zitat samt Datei und wird einzeln angenommen.

Der Punkt daran ist nicht das Zeichnen, sondern was danach möglich ist: Weil Rolle, Dauer und Häufigkeit schon in der Zeile stehen, hat das fertige Bild die vier Angaben aus dem nächsten Abschnitt bereits dabei — und lässt sich rechnen statt nur betrachten. Wie das in einem Durchgang aussieht, steht in der Anleitung, Abschnitt „Wenn es noch keinen Prozess gibt".

Wichtiger als die Auswahl: Das Modell muss dort liegen, wo die Leute ohnehin arbeiten. Ein Diagramm in einem Werkzeug, für das die Fachabteilung keinen Zugang hat, wird nicht gepflegt — es wird ausgedruckt und veraltet an der Wand.

Fazit

Prozessmodellierung ist Handwerk mit klaren Regeln: Grenzen zuerst, mit den Ausführenden sprechen, eine Notation passend zum Zweck, ein Schritt pro Rolle und System, Ausnahmen dosiert, gegenlesen lassen. Wer das befolgt, hat in ein bis zwei Tagen ein Modell, das trägt.

Was das Modell nicht liefert, liefert es auch bei besserer Notation nicht: die Reihenfolge, in der man ansetzt. Dafür braucht es Zahlen an den Kästchen und eine Rechnung darüber — Ankunftsrate, Streuung, Kapazität, Kalender. Das Diagramm ist die Voraussetzung dafür. Es ist nicht die Antwort.

Die nächsten Schritte:

  1. Auslöser und Ergebnis in zwei Sätzen aufschreiben
  2. Zwei bis drei Gespräche mit den Ausführenden führen, mit den fünf Fragen oben
  3. Als Swimlane zeichnen, acht bis fünfzehn Schritte
  4. Gegenlesen lassen mit der Frage "Wo stimmt das nicht?"
  5. Je Schritt Dauer als Spanne, Wartezeit, Häufigkeit, Medienbruch ergänzen
  6. Erst danach entscheiden, wo eingegriffen wird

Weiterführend:

Zum Weiterrechnen: Mit dem kostenlosen Prozesskosten-Rechner beziffern Sie in wenigen Minuten, was der modellierte Ablauf pro Monat kostet — inklusive Einsparpotenzial und Schritt-für-Schritt-Aufschlüsselung.

Wenn Sie wissen wollen, was Ihr Prozess kostet: messen Sie ihn.

Beginnen Sie mit der kostenlosen Diagnose oder laden Sie FlowVisual. Wenn Sie danach mit jemandem sprechen wollen, sind wir erreichbar.