Prozessoptimierung

Prozesslandkarte erstellen: Schritt-für-Schritt Anleitung [2025]

Jonas Höttler24. Januar 20258 min

Eine Prozesslandkarte ist das Fundament für systematische Prozessverbesserung. Sie zeigt auf einen Blick, wie Ihr Unternehmen funktioniert - welche Prozesse existieren, wie sie zusammenhängen und wo Optimierungspotenzial liegt.

Diese Anleitung führt Sie Schritt für Schritt zur eigenen Prozesslandkarte - pragmatisch, ohne akademische Theorie und mit konkreten Beispielen.

Was ist eine Prozesslandkarte?

Eine Prozesslandkarte (auch: Prozessmodell, Process Map) ist eine visuelle Darstellung aller Geschäftsprozesse eines Unternehmens auf einer übergeordneten Ebene.

Was sie zeigt:

  • Alle wesentlichen Prozesse des Unternehmens
  • Kategorisierung nach Prozesstypen
  • Zusammenhänge zwischen Prozessen
  • Schnittstellen und Abhängigkeiten

Was sie NICHT zeigt:

  • Detaillierte Arbeitsschritte
  • Verantwortlichkeiten auf Mitarbeiterebene
  • IT-Systeme und Tools
  • Zeitabläufe

Vergleich: Die Prozesslandkarte ist wie ein Stadtplan - sie zeigt Stadtteile und Hauptstraßen, aber nicht jede einzelne Haustür.

Warum brauchen Sie eine Prozesslandkarte?

Vorteile einer Prozesslandkarte

1. Transparenz schaffen

  • Alle sehen, welche Prozesse existieren
  • Keine "versteckten" Prozesse mehr
  • Gemeinsames Verständnis im Unternehmen

2. Optimierungspotenzial erkennen

  • Doppelarbeit identifizieren
  • Lücken finden
  • Engpässe sichtbar machen

3. Basis für Digitalisierung

  • Strukturierte Grundlage für Automatisierung
  • Priorisierung von Digitalisierungsprojekten
  • Schnittstellenanalyse

4. Onboarding und Wissenstransfer

  • Neue Mitarbeiter verstehen das Unternehmen schneller
  • Wissen wird dokumentiert
  • Weniger Abhängigkeit von Einzelpersonen

5. Compliance und Zertifizierung

  • Nachweis für ISO-Zertifizierungen
  • Basis für Prozess-Audits
  • Dokumentationspflichten erfüllen

Prozesstypen verstehen

Bevor Sie starten, sollten Sie die drei Prozesstypen kennen:

1. Kernprozesse (Wertschöpfung)

Die Prozesse, die direkt zur Leistungserbringung beitragen - das, wofür Kunden bezahlen.

Beispiele:

  • Produktion/Fertigung
  • Dienstleistungserbringung
  • Produktentwicklung
  • Vertrieb und Verkauf
  • Auftragsabwicklung

Merkmale:

  • Direkt wertschöpfend
  • Kundenorientiert
  • Umsatzgenerierend

2. Managementprozesse (Steuerung)

Die Prozesse, die das Unternehmen steuern und die Richtung vorgeben.

Beispiele:

  • Strategieentwicklung
  • Unternehmensplanung
  • Qualitätsmanagement
  • Risikomanagement
  • Controlling

Merkmale:

  • Planend und steuernd
  • Unternehmensweit
  • Langfristorientiert

3. Unterstützungsprozesse (Support)

Die Prozesse, die Kernprozesse ermöglichen, aber nicht direkt wertschöpfend sind.

Beispiele:

  • IT-Services
  • Personalwesen/HR
  • Buchhaltung/Finanzen
  • Einkauf
  • Facility Management

Merkmale:

  • Intern orientiert
  • Dienstleistung für andere Prozesse
  • Standardisierbar

Prozesslandkarte erstellen: Schritt für Schritt

Schritt 1: Vorbereitung (1-2 Tage)

Team zusammenstellen

  • Projektleiter (Sie oder jemand mit Prozess-Know-how)
  • Vertreter aus jeder Abteilung
  • Geschäftsführung für Freigabe

Scope definieren

  • Welcher Unternehmensbereich? (Gesamtunternehmen, Standort, Abteilung)
  • Welche Detailtiefe?
  • Zeitrahmen für das Projekt

Material vorbereiten

  • Whiteboard oder digitales Tool
  • Post-its oder digitale Karten
  • Bestehende Dokumentation sammeln

Schritt 2: Prozesse sammeln (2-4 Tage)

Methode A: Workshop (empfohlen)

  1. Laden Sie Vertreter aller Abteilungen ein
  2. Jeder schreibt seine Prozesse auf Post-its
  3. Fragen Sie:
    • Was sind Ihre Hauptaufgaben?
    • Welche wiederkehrenden Abläufe gibt es?
    • Womit verbringen Sie die meiste Zeit?
  4. Sammeln Sie alle Post-its an einer Wand

Methode B: Interviews

  1. Führen Sie 30-60min Gespräche mit Abteilungsleitern
  2. Fragen Sie nach:
    • Hauptaufgaben der Abteilung
    • Input (Was brauchen Sie von anderen?)
    • Output (Was liefern Sie an andere?)
    • Schnittstellen

Methode C: Dokumentenanalyse

Sichten Sie:

  • Organigramm
  • Stellenbeschreibungen
  • Bestehende Prozessdokumentation
  • QM-Handbuch

Praxis-Tipp: Kombinieren Sie die Methoden. Workshop für den Überblick, Interviews für Details.

Schritt 3: Prozesse kategorisieren (1 Tag)

Sortieren Sie alle gesammelten Prozesse in die drei Kategorien:

KategorieTypische Prozesse
KernprozesseVertrieb, Produktion, Entwicklung, Lieferung
ManagementprozesseStrategie, Planung, Qualität, Controlling
UnterstützungsprozesseIT, HR, Finanzen, Einkauf, Facility

Dabei prüfen:

  • Ist das wirklich ein eigenständiger Prozess oder ein Teilprozess?
  • Gibt es Dopplungen (verschiedene Namen für dasselbe)?
  • Fehlen offensichtliche Prozesse?

Schritt 4: Struktur erstellen (1 Tag)

Standard-Layout einer Prozesslandkarte:

┌─────────────────────────────────────────────────────────┐
│                  MANAGEMENTPROZESSE                     │
│  Strategie │ Planung │ Qualität │ Controlling │ Risiko │
└─────────────────────────────────────────────────────────┘
                           │
                           ▼
┌─────────────────────────────────────────────────────────┐
│                    KERNPROZESSE                         │
│                                                         │
│  Marketing → Vertrieb → Auftragsabwicklung → Service   │
│              ↓                                          │
│         Produktion → Lieferung                         │
└─────────────────────────────────────────────────────────┘
                           │
                           ▼
┌─────────────────────────────────────────────────────────┐
│               UNTERSTÜTZUNGSPROZESSE                    │
│     IT │ HR │ Finanzen │ Einkauf │ Facility            │
└─────────────────────────────────────────────────────────┘

Schritt 5: Zusammenhänge darstellen (1-2 Tage)

Verbindungen einzeichnen

  • Welche Prozesse liefern Input für andere?
  • Wo sind die Hauptschnittstellen?
  • Welche Prozesse laufen parallel?

Aber nicht übertreiben: Zu viele Pfeile machen die Karte unlesbar. Fokussieren Sie auf die wichtigsten Verbindungen.

Schritt 6: Validierung (1-2 Tage)

Review mit Stakeholdern:

  1. Präsentieren Sie die Prozesslandkarte
  2. Fragen Sie:
    • Ist das vollständig?
    • Stimmen die Bezeichnungen?
    • Fehlt etwas Wesentliches?
  3. Arbeiten Sie Feedback ein

Final-Check:

  • Kann ein neuer Mitarbeiter das verstehen?
  • Bildet es die Realität ab?
  • Ist die Detailtiefe konsistent?

Tools für Prozesslandkarten

Einfache Lösungen

Microsoft PowerPoint / Google Slides

  • Vorteile: Jeder kennt es, schnell erstellt
  • Nachteile: Keine Prozess-Features, schwer zu pflegen
  • Ideal für: Einmalige Präsentationen, kleine Unternehmen

Miro / Mural

  • Vorteile: Kollaborativ, flexibel, gut für Workshops
  • Nachteile: Keine Prozessnotation, kann unübersichtlich werden
  • Ideal für: Workshops, agile Teams

Lucidchart / draw.io

  • Vorteile: Gute Diagramm-Features, kostenlose Optionen
  • Nachteile: Manuell, keine Prozess-Datenbank
  • Ideal für: Kleine bis mittlere Unternehmen

Professionelle BPM-Tools

Signavio

  • Vorteile: BPMN-Standard, Kollaboration, Analyse
  • Nachteile: Teuer, Lernkurve
  • Ideal für: Große Unternehmen, ISO-Zertifizierung

ARIS

  • Vorteile: Umfassend, Industriestandard
  • Nachteile: Komplex, teuer
  • Ideal für: Enterprise, komplexe Organisationen

Camunda Modeler

  • Vorteile: Kostenlos, BPMN 2.0
  • Nachteile: Technisch, keine Kollaboration
  • Ideal für: Prozessautomatisierung, IT-nahe Teams

Unsere Empfehlung nach Unternehmensgröße

GrößeToolBegründung
<20 MAdraw.io, MiroKostenlos, einfach
20-100 MALucidchart, MiroGute Balance
100-500 MASignavio, LucidchartProfessionell, skalierbar
>500 MAARIS, SignavioEnterprise-Features

Prozesslandkarte pflegen

Eine Prozesslandkarte ist nur wertvoll, wenn sie aktuell ist.

Aktualisierungstrigger definieren

Bei diesen Ereignissen prüfen:

  • Organisationsänderungen
  • Neue Produkte/Services
  • Neue IT-Systeme
  • Prozessoptimierungsprojekte
  • Mindestens 1x jährlich Review

Verantwortlichkeiten klären

  • Process Owner: Verantwortlich für "seinen" Prozess
  • BPM-Verantwortlicher: Hütet die Gesamtlandkarte
  • Alle Mitarbeiter: Melden Änderungen

Versionierung

  • Datum der letzten Änderung
  • Version (1.0, 1.1, 2.0...)
  • Änderungshistorie

Von der Landkarte zur Optimierung

Die Prozesslandkarte ist der Startpunkt - nicht das Ziel.

Nächste Schritte nach der Erstellung

1. Priorisieren

Bewerten Sie jeden Prozess:

  • Strategische Bedeutung (hoch/mittel/niedrig)
  • Optimierungspotenzial (hoch/mittel/niedrig)
  • Aufwand für Verbesserung (hoch/mittel/niedrig)

2. Deep Dives

Für priorisierte Prozesse:

  • Detaillierte Prozessdokumentation
  • Ist-Analyse (Durchlaufzeit, Fehlerquote, Kosten)
  • Schwachstellenanalyse
  • Soll-Konzept

3. Automatisierungspotenzial identifizieren

Fragen Sie für jeden Prozess:

  • Ist der Prozess repetitiv?
  • Gibt es klare Regeln?
  • Wie hoch ist das Volumen?
  • Welche Systeme sind beteiligt?

Häufige Fehler vermeiden

1. Zu detailliert starten

Problem: Die Landkarte wird zum Flussdiagramm mit 200 Kästchen.

Lösung: Auf oberster Ebene bleiben. 15-30 Prozesse sind typisch.

2. Ist-Zustand ignorieren

Problem: Die Landkarte zeigt, wie es sein sollte - nicht wie es ist.

Lösung: Erst IST dokumentieren, dann SOLL planen.

3. Keine Ownership

Problem: Die Landkarte verstaubt in der Schublade.

Lösung: Klare Verantwortlichkeiten, regelmäßige Reviews.

4. Tool vor Inhalt

Problem: Wochen mit Tool-Auswahl verbringen.

Lösung: Mit einfachem Tool starten, später migrieren.

5. Alleingang

Problem: Eine Person erstellt die Landkarte ohne Input.

Lösung: Workshops, Interviews, breite Einbindung.

Praxisbeispiel: Mittelständischer Maschinenbauer

Ausgangssituation:

  • 80 Mitarbeiter
  • Keine dokumentierten Prozesse
  • Wachstum führt zu Chaos
  • ISO-Zertifizierung geplant

Vorgehen:

  1. Workshop mit Abteilungsleitern (4 Stunden)

    • 45 Prozesse gesammelt
    • Erste Kategorisierung
  2. Konsolidierung (2 Tage)

    • Auf 22 Hauptprozesse verdichtet
    • In Standard-Struktur gebracht
  3. Visualisierung mit Miro (1 Tag)

    • Prozesslandkarte erstellt
    • Hauptschnittstellen markiert
  4. Review mit Geschäftsführung (2 Stunden)

    • 3 fehlende Prozesse ergänzt
    • Freigabe erteilt

Ergebnis:

  • Prozesslandkarte mit 25 Prozessen
  • Grundlage für ISO-Zertifizierung
  • 5 Prozesse für Optimierung priorisiert
  • Onboarding-Dauer für neue Mitarbeiter -30%

Prozesslandkarte Vorlage

Grundstruktur zum Kopieren

Managementprozesse:

  • Strategische Planung
  • Unternehmenssteuerung
  • Qualitätsmanagement
  • Risikomanagement
  • Compliance

Kernprozesse (branchenspezifisch anpassen):

  • Marketing
  • Vertrieb / Akquise
  • Auftragsabwicklung
  • Produktion / Leistungserbringung
  • Lieferung / Projektabschluss
  • Kundenservice

Unterstützungsprozesse:

  • Personalmanagement
  • Finanz- und Rechnungswesen
  • IT-Management
  • Einkauf
  • Facility Management
  • Recht / Vertragsmanagement

Fazit

Eine Prozesslandkarte ist kein Selbstzweck - sie ist ein Werkzeug für Transparenz und Verbesserung. Der größte Fehler ist, sie perfekt machen zu wollen. Starten Sie mit einer 80%-Lösung und verbessern Sie iterativ.

Ihre nächsten Schritte:

  1. Team zusammenstellen (2-3 Personen)
  2. 2-Stunden-Workshop für Prozesssammlung
  3. Erste Version in Miro oder draw.io erstellen
  4. Feedback einholen und anpassen
  5. Regelmäßiges Review einplanen

Weiterführende Ressourcen:

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