Prozesslandkarte erstellen: Schritt-für-Schritt Anleitung [2025]
Eine Prozesslandkarte ist das Fundament für systematische Prozessverbesserung. Sie zeigt auf einen Blick, wie Ihr Unternehmen funktioniert - welche Prozesse existieren, wie sie zusammenhängen und wo Optimierungspotenzial liegt.
Diese Anleitung führt Sie Schritt für Schritt zur eigenen Prozesslandkarte - pragmatisch, ohne akademische Theorie und mit konkreten Beispielen.
Was ist eine Prozesslandkarte?
Eine Prozesslandkarte (auch: Prozessmodell, Process Map) ist eine visuelle Darstellung aller Geschäftsprozesse eines Unternehmens auf einer übergeordneten Ebene.
Was sie zeigt:
- Alle wesentlichen Prozesse des Unternehmens
- Kategorisierung nach Prozesstypen
- Zusammenhänge zwischen Prozessen
- Schnittstellen und Abhängigkeiten
Was sie NICHT zeigt:
- Detaillierte Arbeitsschritte
- Verantwortlichkeiten auf Mitarbeiterebene
- IT-Systeme und Tools
- Zeitabläufe
Vergleich: Die Prozesslandkarte ist wie ein Stadtplan - sie zeigt Stadtteile und Hauptstraßen, aber nicht jede einzelne Haustür.
Warum brauchen Sie eine Prozesslandkarte?
Vorteile einer Prozesslandkarte
1. Transparenz schaffen
- Alle sehen, welche Prozesse existieren
- Keine "versteckten" Prozesse mehr
- Gemeinsames Verständnis im Unternehmen
2. Optimierungspotenzial erkennen
- Doppelarbeit identifizieren
- Lücken finden
- Engpässe sichtbar machen
3. Basis für Digitalisierung
- Strukturierte Grundlage für Automatisierung
- Priorisierung von Digitalisierungsprojekten
- Schnittstellenanalyse
4. Onboarding und Wissenstransfer
- Neue Mitarbeiter verstehen das Unternehmen schneller
- Wissen wird dokumentiert
- Weniger Abhängigkeit von Einzelpersonen
5. Compliance und Zertifizierung
- Nachweis für ISO-Zertifizierungen
- Basis für Prozess-Audits
- Dokumentationspflichten erfüllen
Prozesstypen verstehen
Bevor Sie starten, sollten Sie die drei Prozesstypen kennen:
1. Kernprozesse (Wertschöpfung)
Die Prozesse, die direkt zur Leistungserbringung beitragen - das, wofür Kunden bezahlen.
Beispiele:
- Produktion/Fertigung
- Dienstleistungserbringung
- Produktentwicklung
- Vertrieb und Verkauf
- Auftragsabwicklung
Merkmale:
- Direkt wertschöpfend
- Kundenorientiert
- Umsatzgenerierend
2. Managementprozesse (Steuerung)
Die Prozesse, die das Unternehmen steuern und die Richtung vorgeben.
Beispiele:
- Strategieentwicklung
- Unternehmensplanung
- Qualitätsmanagement
- Risikomanagement
- Controlling
Merkmale:
- Planend und steuernd
- Unternehmensweit
- Langfristorientiert
3. Unterstützungsprozesse (Support)
Die Prozesse, die Kernprozesse ermöglichen, aber nicht direkt wertschöpfend sind.
Beispiele:
- IT-Services
- Personalwesen/HR
- Buchhaltung/Finanzen
- Einkauf
- Facility Management
Merkmale:
- Intern orientiert
- Dienstleistung für andere Prozesse
- Standardisierbar
Prozesslandkarte erstellen: Schritt für Schritt
Schritt 1: Vorbereitung (1-2 Tage)
Team zusammenstellen
- Projektleiter (Sie oder jemand mit Prozess-Know-how)
- Vertreter aus jeder Abteilung
- Geschäftsführung für Freigabe
Scope definieren
- Welcher Unternehmensbereich? (Gesamtunternehmen, Standort, Abteilung)
- Welche Detailtiefe?
- Zeitrahmen für das Projekt
Material vorbereiten
- Whiteboard oder digitales Tool
- Post-its oder digitale Karten
- Bestehende Dokumentation sammeln
Schritt 2: Prozesse sammeln (2-4 Tage)
Methode A: Workshop (empfohlen)
- Laden Sie Vertreter aller Abteilungen ein
- Jeder schreibt seine Prozesse auf Post-its
- Fragen Sie:
- Was sind Ihre Hauptaufgaben?
- Welche wiederkehrenden Abläufe gibt es?
- Womit verbringen Sie die meiste Zeit?
- Sammeln Sie alle Post-its an einer Wand
Methode B: Interviews
- Führen Sie 30-60min Gespräche mit Abteilungsleitern
- Fragen Sie nach:
- Hauptaufgaben der Abteilung
- Input (Was brauchen Sie von anderen?)
- Output (Was liefern Sie an andere?)
- Schnittstellen
Methode C: Dokumentenanalyse
Sichten Sie:
- Organigramm
- Stellenbeschreibungen
- Bestehende Prozessdokumentation
- QM-Handbuch
Praxis-Tipp: Kombinieren Sie die Methoden. Workshop für den Überblick, Interviews für Details.
Schritt 3: Prozesse kategorisieren (1 Tag)
Sortieren Sie alle gesammelten Prozesse in die drei Kategorien:
| Kategorie | Typische Prozesse |
|---|---|
| Kernprozesse | Vertrieb, Produktion, Entwicklung, Lieferung |
| Managementprozesse | Strategie, Planung, Qualität, Controlling |
| Unterstützungsprozesse | IT, HR, Finanzen, Einkauf, Facility |
Dabei prüfen:
- Ist das wirklich ein eigenständiger Prozess oder ein Teilprozess?
- Gibt es Dopplungen (verschiedene Namen für dasselbe)?
- Fehlen offensichtliche Prozesse?
Schritt 4: Struktur erstellen (1 Tag)
Standard-Layout einer Prozesslandkarte:
┌─────────────────────────────────────────────────────────┐
│ MANAGEMENTPROZESSE │
│ Strategie │ Planung │ Qualität │ Controlling │ Risiko │
└─────────────────────────────────────────────────────────┘
│
▼
┌─────────────────────────────────────────────────────────┐
│ KERNPROZESSE │
│ │
│ Marketing → Vertrieb → Auftragsabwicklung → Service │
│ ↓ │
│ Produktion → Lieferung │
└─────────────────────────────────────────────────────────┘
│
▼
┌─────────────────────────────────────────────────────────┐
│ UNTERSTÜTZUNGSPROZESSE │
│ IT │ HR │ Finanzen │ Einkauf │ Facility │
└─────────────────────────────────────────────────────────┘
Schritt 5: Zusammenhänge darstellen (1-2 Tage)
Verbindungen einzeichnen
- Welche Prozesse liefern Input für andere?
- Wo sind die Hauptschnittstellen?
- Welche Prozesse laufen parallel?
Aber nicht übertreiben: Zu viele Pfeile machen die Karte unlesbar. Fokussieren Sie auf die wichtigsten Verbindungen.
Schritt 6: Validierung (1-2 Tage)
Review mit Stakeholdern:
- Präsentieren Sie die Prozesslandkarte
- Fragen Sie:
- Ist das vollständig?
- Stimmen die Bezeichnungen?
- Fehlt etwas Wesentliches?
- Arbeiten Sie Feedback ein
Final-Check:
- Kann ein neuer Mitarbeiter das verstehen?
- Bildet es die Realität ab?
- Ist die Detailtiefe konsistent?
Tools für Prozesslandkarten
Einfache Lösungen
Microsoft PowerPoint / Google Slides
- Vorteile: Jeder kennt es, schnell erstellt
- Nachteile: Keine Prozess-Features, schwer zu pflegen
- Ideal für: Einmalige Präsentationen, kleine Unternehmen
Miro / Mural
- Vorteile: Kollaborativ, flexibel, gut für Workshops
- Nachteile: Keine Prozessnotation, kann unübersichtlich werden
- Ideal für: Workshops, agile Teams
Lucidchart / draw.io
- Vorteile: Gute Diagramm-Features, kostenlose Optionen
- Nachteile: Manuell, keine Prozess-Datenbank
- Ideal für: Kleine bis mittlere Unternehmen
Professionelle BPM-Tools
Signavio
- Vorteile: BPMN-Standard, Kollaboration, Analyse
- Nachteile: Teuer, Lernkurve
- Ideal für: Große Unternehmen, ISO-Zertifizierung
ARIS
- Vorteile: Umfassend, Industriestandard
- Nachteile: Komplex, teuer
- Ideal für: Enterprise, komplexe Organisationen
Camunda Modeler
- Vorteile: Kostenlos, BPMN 2.0
- Nachteile: Technisch, keine Kollaboration
- Ideal für: Prozessautomatisierung, IT-nahe Teams
Unsere Empfehlung nach Unternehmensgröße
| Größe | Tool | Begründung |
|---|---|---|
| <20 MA | draw.io, Miro | Kostenlos, einfach |
| 20-100 MA | Lucidchart, Miro | Gute Balance |
| 100-500 MA | Signavio, Lucidchart | Professionell, skalierbar |
| >500 MA | ARIS, Signavio | Enterprise-Features |
Prozesslandkarte pflegen
Eine Prozesslandkarte ist nur wertvoll, wenn sie aktuell ist.
Aktualisierungstrigger definieren
Bei diesen Ereignissen prüfen:
- Organisationsänderungen
- Neue Produkte/Services
- Neue IT-Systeme
- Prozessoptimierungsprojekte
- Mindestens 1x jährlich Review
Verantwortlichkeiten klären
- Process Owner: Verantwortlich für "seinen" Prozess
- BPM-Verantwortlicher: Hütet die Gesamtlandkarte
- Alle Mitarbeiter: Melden Änderungen
Versionierung
- Datum der letzten Änderung
- Version (1.0, 1.1, 2.0...)
- Änderungshistorie
Von der Landkarte zur Optimierung
Die Prozesslandkarte ist der Startpunkt - nicht das Ziel.
Nächste Schritte nach der Erstellung
1. Priorisieren
Bewerten Sie jeden Prozess:
- Strategische Bedeutung (hoch/mittel/niedrig)
- Optimierungspotenzial (hoch/mittel/niedrig)
- Aufwand für Verbesserung (hoch/mittel/niedrig)
2. Deep Dives
Für priorisierte Prozesse:
- Detaillierte Prozessdokumentation
- Ist-Analyse (Durchlaufzeit, Fehlerquote, Kosten)
- Schwachstellenanalyse
- Soll-Konzept
3. Automatisierungspotenzial identifizieren
Fragen Sie für jeden Prozess:
- Ist der Prozess repetitiv?
- Gibt es klare Regeln?
- Wie hoch ist das Volumen?
- Welche Systeme sind beteiligt?
Häufige Fehler vermeiden
1. Zu detailliert starten
Problem: Die Landkarte wird zum Flussdiagramm mit 200 Kästchen.
Lösung: Auf oberster Ebene bleiben. 15-30 Prozesse sind typisch.
2. Ist-Zustand ignorieren
Problem: Die Landkarte zeigt, wie es sein sollte - nicht wie es ist.
Lösung: Erst IST dokumentieren, dann SOLL planen.
3. Keine Ownership
Problem: Die Landkarte verstaubt in der Schublade.
Lösung: Klare Verantwortlichkeiten, regelmäßige Reviews.
4. Tool vor Inhalt
Problem: Wochen mit Tool-Auswahl verbringen.
Lösung: Mit einfachem Tool starten, später migrieren.
5. Alleingang
Problem: Eine Person erstellt die Landkarte ohne Input.
Lösung: Workshops, Interviews, breite Einbindung.
Praxisbeispiel: Mittelständischer Maschinenbauer
Ausgangssituation:
- 80 Mitarbeiter
- Keine dokumentierten Prozesse
- Wachstum führt zu Chaos
- ISO-Zertifizierung geplant
Vorgehen:
-
Workshop mit Abteilungsleitern (4 Stunden)
- 45 Prozesse gesammelt
- Erste Kategorisierung
-
Konsolidierung (2 Tage)
- Auf 22 Hauptprozesse verdichtet
- In Standard-Struktur gebracht
-
Visualisierung mit Miro (1 Tag)
- Prozesslandkarte erstellt
- Hauptschnittstellen markiert
-
Review mit Geschäftsführung (2 Stunden)
- 3 fehlende Prozesse ergänzt
- Freigabe erteilt
Ergebnis:
- Prozesslandkarte mit 25 Prozessen
- Grundlage für ISO-Zertifizierung
- 5 Prozesse für Optimierung priorisiert
- Onboarding-Dauer für neue Mitarbeiter -30%
Prozesslandkarte Vorlage
Grundstruktur zum Kopieren
Managementprozesse:
- Strategische Planung
- Unternehmenssteuerung
- Qualitätsmanagement
- Risikomanagement
- Compliance
Kernprozesse (branchenspezifisch anpassen):
- Marketing
- Vertrieb / Akquise
- Auftragsabwicklung
- Produktion / Leistungserbringung
- Lieferung / Projektabschluss
- Kundenservice
Unterstützungsprozesse:
- Personalmanagement
- Finanz- und Rechnungswesen
- IT-Management
- Einkauf
- Facility Management
- Recht / Vertragsmanagement
Fazit
Eine Prozesslandkarte ist kein Selbstzweck - sie ist ein Werkzeug für Transparenz und Verbesserung. Der größte Fehler ist, sie perfekt machen zu wollen. Starten Sie mit einer 80%-Lösung und verbessern Sie iterativ.
Ihre nächsten Schritte:
- Team zusammenstellen (2-3 Personen)
- 2-Stunden-Workshop für Prozesssammlung
- Erste Version in Miro oder draw.io erstellen
- Feedback einholen und anpassen
- Regelmäßiges Review einplanen
Weiterführende Ressourcen:
- Prozessautomatisierung als nächster Schritt
- Workflow-Digitalisierung im Mittelstand
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