Alle Analysen
AN-2026-06Musteranalyse · synthetische Daten

Die Wertgrenze von 500 Euro, die niemand mehr angefasst hat

Ein Kunststoffverarbeiter lässt jede Bestellung über 500 € von der Geschäftsführung zeichnen. Die Grenze ist alt, die Preise sind es nicht. Vier von fünf Bestellungen laufen durch ein Tor, das zweimal in der Woche aufgeht.

Kurz gesagt

Die Geschäftsführung zeichnet 79 % aller Bestellungen. Nicht aus Misstrauen, sondern weil eine Wertgrenze aus einer anderen Preisära stammt. Sie ist damit in 78 % der Läufe der Engpass, bei 3 bis 12 Minuten Arbeit je Unterschrift.

Wie lange es dauert

3,8Arbeitstage

In 8 von 10 Fällen zwischen 1,2 und 5,5 Tagen.

Woran es liegt

Freigabe Geschäftsführung

In 78 von 100 simulierten Durchläufen war dieser Schritt der Bremsklotz.

Was es kostet

49.000 €

Pro Jahr. Geschätzt zwischen 43.000 € und 55.000 €.

Was der Eingriff brächte

40.000 €

Pro Jahr. Geschätzt zwischen 35.000 € und 45.000 €.

01Ausgangslage

Bestellfreigabe

Branche
Kunststoffverarbeiter
Größe
95 Mitarbeitende
Fälle pro Jahr
3.100
Vollkostensatz
70 € / h
Simulierte Durchläufe
120.000
Stand
August 2026

Der Einkauf klagt über Wartezeiten, die Fachabteilungen über Eilzuschläge, die Geschäftsführung über die Menge an Unterschriften. Alle drei haben recht, und alle drei beschreiben dieselbe Zahl.

3.100 Bestellanforderungen im Jahr, sechs Schritte, vier Rollen, 70 € Vollkostensatz. Die Bestellwerte sind rechtsschief verteilt: Median 1.150 €, ein langer Ausläufer nach oben. Modelliert und über 120.000 Läufe simuliert.

02Das Modell

Der Ablauf, so wie er wirklich läuft

Der Prozess, wie er in FlowVisual modelliert wurde. ↯ markiert einen Medienbruch — die Stelle, an der Daten von Hand aus einem System ins nächste wandern.

Alle Werte des Modells als Tabelle.
SchrittRolleSystemDauer P10–P90Engpass
01Bedarf meldenFachabteilungPapier / E-Mail514 min0 %
02Prüfung & LieferantenwahlEinkaufERP1049 min3 %
03Freigabe AbteilungsleitungAbteilungsleitungERP39 min19 %
04Freigabe GeschäftsführungEngpassGeschäftsführungPapiermappe312 min78 %
05Bestellung auslösenEinkaufERP618 min0 %
06Auftragsbestätigung prüfenEinkaufERP / E-Mail412 min0 %
03Die Messung

120.000 Läufe, eine eindeutige Antwort

Jede Grafik zeigt Vorher gegen Nachher. Die Werte stehen an den Balken — die Farbe ist ein zweites Signal, nie das einzige.

Abb. 1Wahrscheinlichkeit je Schritt, in einem Lauf der Engpass zu sein. Vorher gegen Nachher.
Abb. 2Durchlaufzeit als Spanne P10–P90. Der helle Strich markiert den Median (P50).
Abb. 3Auslastung je Rolle. Alles rechts der roten Linie ist strukturelle Überlast.
Durchsatz

77

Bestellungen/Woche

Tage über Kapazität

53 %

Spanne P10–P90

1,2–5,5Arbeitstage

04Der Befund

Freigabe Geschäftsführung — 78 %

In 78 % der Läufe ist die Freigabe durch die Geschäftsführung der Engpass. Die Arbeit daran beträgt 3 bis 12 Minuten. Das Tor geht dienstags und donnerstags auf, und jede fünfte Mappe bleibt auch dann liegen. Termin, Reise, Krankheit.

Die Wertgrenze steht bei 500 €. Bei einem Median von 1.150 € heißt das: 79 % aller Bestellungen, 2.437 im Jahr, brauchen diese Unterschrift. Das sind rechnerisch 284 Stunden Geschäftsführungszeit für einen Schritt, der fachlich nichts entscheidet, was die Abteilungsleitung nicht schon entschieden hat.

Die Auslastung erklärt hier nichts. Keine Rolle liegt über 80 %. Was den Rückstand erzeugt, ist nicht die Menge, sondern der Takt: An 53 % der Arbeitstage steht am Feierabend mehr offen, als an einem Tag zu schaffen wäre. Fast immer bei der Geschäftsführung, weil zwischen zwei Zeichnungsterminen bis zu vier Tage liegen.

Am Ende steht Geld, das das Haus verlässt: 7,6 % der Bestellungen werden später ausgelöst als gebraucht. Der Einkauf fasst nach, und in einem Teil dieser Fälle fällt ein Eilzuschlag an, rund 6.700 € im Jahr.

05Der Eingriff

Die Wertgrenze steigt von 500 € auf 2.500 €.

Kein Werkzeug, keine Rolle, keine Schnittstelle. Eine Zahl in einer Richtlinie.

Die neue Grenze folgt der gemessenen Verteilung, nicht dem Gefühl: Bei 2.500 € liegen 23 % der Bestellungen darüber statt 79 %. Die Freigabe der Abteilungsleitung bliebe für jede einzelne Bestellung bestehen. Es entfiele eine zweite Unterschrift, keine Kontrolle.

Was das kostet, gehört in dieselbe Zeile wie der Ertrag: 2,1 Mio. € Bestellvolumen im Jahr, das die Geschäftsführung künftig nicht mehr einzeln sähe. Ob das tragbar ist, entscheidet keine Simulation.

06Die Nachmessung

Durchlaufzeit im Median minus 66 %

Wie lange es dauert
3,81,3 Arbeitstage
Durchsatz
7778
Tage über Kapazität
53 % → 1 %
Ersparnis pro Jahr
40.000 €

Die Durchlaufzeit im Median fiele von 3,8 auf 1,3 Arbeitstage, das P90 von 5,5 auf 3,7. Der Anteil zu spät ausgelöster Bestellungen fiele von 7,6 % auf 1,6 %, die Eilzuschläge von rund 6.700 € auf 2.400 € im Jahr.

Die Geschäftsführung zeichnete noch 711 statt 2.437 Bestellungen, 83 statt 284 Stunden im Jahr. Ihre Auslastung in diesem Prozess fiele von 76 % auf 22 %, und die Tage mit Rückstand von 53 % auf 1 %.

Der Engpass wandert. Und wieder auf ein Tor, nicht auf eine Kapazität. Neuer wahrscheinlichster Engpass wäre mit 72 % die Freigabe der Abteilungsleitung, die einmal täglich am Tagesende zeichnet. Wer weiter wollte, müsste diesen Takt anfassen, nicht Personal aufbauen.

Was der Eingriff ausdrücklich nicht anfasst: Jede siebte Bedarfsmeldung ist zu unklar, um sie ohne Rückfrage zu bepreisen. Diese Schleife bleibt im Modell stehen, hält den Einkauf bei 70 % Auslastung und ist der nächste Kandidat, aber erst nach einer neuen Messung.

07Grenzen dieser Analyse

Was diese Analyse nicht kann

Jede Messung hat Grenzen. Eine Messung, die sie verschweigt, ist Werbung.

  1. 01

    Diese Analyse ist eine Musteranalyse. Prozess, Rollen, Bestellwerte und Zeiten sind konstruiert, nicht bei einem Kunden erhoben.

  2. 02

    Eine Wertgrenze ist eine Kontrollentscheidung, keine Durchlaufzeitentscheidung. Diese Analyse rechnet den Zeitgewinn und beziffert das Volumen, das ohne Einzelfreigabe liefe. Sie bewertet das Risiko nicht. Ein monatlicher Bericht über alle Bestellungen im Band 500 bis 2.500 € stellt Sichtbarkeit her, ersetzt aber keine Freigabe.

  3. 03

    Die freigewordene Geschäftsführungszeit ist mit dem Vollkostensatz bewertet. Sie wird dadurch nicht zu Geld, sondern zu Kapazität. Ob daraus Wert entsteht, entscheidet die Verwendung.

  4. 04

    Die Eilzuschläge sind mit 4 % des Bestellwerts, gedeckelt bei 200 €, und einer Quote von 35 % der verspäteten Bestellungen angesetzt. Alle drei Zahlen sind Annahmen; die Kostenrechnung trägt sie mit einer Spanne von 0,6 bis 1,4.

  5. 05

    „Tage über Kapazität“ heißt hier: An so vielen Arbeitstagen steht am Feierabend in mindestens einer Rolle mehr Arbeit offen, als diese Rolle an einem Tag schafft.

  6. 06

    „Durchsatz“ ist die Obergrenze, die die knappste Rolle zulässt, nicht die tatsächliche Menge. Die liegt bei 62 Bestellungen in der Woche. Dass sich die Obergrenze kaum ändert, ist kein Fehler: Sie hängt danach an der Fachabteilung, nicht mehr an der Freigabe.

  7. 07

    P10–P90 ist keine Worst-Case-Betrachtung. In 10 % der Fälle dauert es länger als der P90-Wert.

Ihr Prozess wird anders aussehen.

Diese Analyse ist ein Muster. Ihre Zahlen sind es nicht. Mit FlowVisual modellieren Sie Ihren eigenen Prozess und bekommen dieselbe Auswertung — auf Ihrem Rechner, mit Ihren Werten.